Gemeindeversammlung: Unsere Gemeinde auf dem Weg nach 2040
Rückblick auf einen Abend mit klaren Perspektiven und offenen Gesprächen
Am 19. Februar 2026 versammelten sich zahlreiche Gemeindeglieder in der Alten Kirche zur Gemeindeversammlung. Die stellvertretende Vorsitzende, Pfarrerin Monika Vogt, begrüßte die Anwesenden herzlich. Zum Versammlungsleiter wurde Jens Joseph gewählt, der zuvor nach sechs Jahren Amtszeit mit Dank und Segen aus dem Presbyterium verabschiedet wurde.
Finanzielle Situation: Ehrlicher Blick nach vorn
Finanzkirchmeisterin Petra Huppert stellte unter dem Titel „Auf dem Weg nach 2040 – Ausgangssituation und Ausblick Finanzen 2025/2026“ die aktuelle Lage dar.
Die Zahl der Gemeindeglieder ist weiterhin rückläufig. Zum 31.12.2025 gehörten 13.900 Menschen zur Gemeinde, die einen jährlichen Rückgang von rund 490 Personen (ca. 3,2 %) verzeichnen muss. Sterbefälle, Wegzug und Austritte überwiegen die Taufen und Eintritte deutlich.
Auch finanziell zeigen sich deutliche Herausforderungen: Durch die neue Finanzsatzung verändern sich die Kirchensteuerzuweisungen. Zwar verbleiben Miet- und Pachteinnahmen künftig vollständig bei der Gemeinde, gleichzeitig sinken jedoch die Zuweisungen aus Kirchensteuer und Finanzausgleich. Für 2026 bedeutet dies rund 45.000 Euro weniger Einnahmen als im Vorjahr.
Die Perspektive ist eindeutig: Ab 2027/28 öffnet sich eine wachsende Kluft zwischen steigenden Ausgaben und sinkenden Einnahmen. Ohne Gegenmaßnahmen würden in etwa zehn Jahren die Ausgaben die Einnahmen um 50 Prozent übersteigen.
Die Gemeinde verfügt zwar über Grundstücke, Gebäude und Rücklagen, diese können jedoch nicht zum dauerhaften Defizitausgleich eingesetzt werden. Deshalb sollen Renditeobjekte gestärkt und der Gebäudebestand kritisch überprüft und reduziert werden.
Zusammenarbeit im Planungsraum Süd
Im Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid wurden sogenannte Planungsräume gebildet. Zum „Planungsraum Süd“ gehören neben Wattenscheid die Gelsenkirchener Gemeinden:
- Evangelische Kirchengemeinde Apostel
- Evangelische Kirchengemeinde Emmaus
Der Planungsraum zählte 2025 rund 36.800 Gemeindeglieder; für 2035 werden nur noch etwa 22.000 prognostiziert. Personal-, Finanz- und Gebäudeplanung müssen künftig gemeinsam abgestimmt werden. Auch die Perspektiven des interprofessionellen Pastoralteams, insbesondere mit Blick auf bevorstehende Ruhestände, wurden vorgestellt.
Gebäudekonzept: Konzentration mit Perspektive
Presbyter Martin Neuhoff informierte: Das Presbyterium hat verschiedene Modelle zur zukünftigen Nutzung der kirchlichen Gebäude geprüft. Bewertet wurden unter anderem Kosten, Einnahmemöglichkeiten, Auslastung, Lage im Planungsraum und Entwicklungsperspektiven.
Favorisiert werden derzeit „dezentrale“ Modelle mit Standorten in Mitte, Höntrop und Günnigfeld. Langfristig wird es eine kleinere zentrale Lösung (Alte Kirche und das dortige Gemeindezentrum als einziger Standort in eigener Trägerschaft) geben müssen.
Konkrete Überlegungen:
- Das Gemeindezentrum Preins Feld soll ab 2029 eine Kita aufnehmen.
- Das Wichernhaus ist als Zentrum für Inklusion in Kooperation mit der Lebenshilfe im Gespräch.
- Für andere Gebäude wie das Gemeindezentrum Alte Kirche werden neue Nutzungskonzepte geprüft (z. B. dauerhafte Teilvermietungen für einen gewissen Zeitraum, bis die oben genannte langfristige zentrale Variante greifen muss).
- Die denkmalgeschützten Kirchen sollen multifunktionaler genutzt werden.
- Die Friedenskirche wird in der jetzigen Form nicht aufrecht erhalten werden können. Es laufen Gespräche mit Stadt und Wirtschaftsförderung.
- Für die Kreuzkirche Leithe (Gelsenkirchener Straße 1–3) gibt es neue Pläne für ein Wohnquartier (u. a. Mehrgenerationenwohnen); eine Bauvoranfrage wurde bei der Stadt Bochum eingereicht.
- Auch für die Immobilie Emilstraße laufen Gespräche mit Kaufinteressenten, wobei die Laufzeit des Familienzentrums berücksichtigt werden muss.
In der Aussprache wurde deutlich: Weniger Gemeindeglieder und weniger Hauptamtliche bedeuten auch veränderte Gemeindearbeit. Eine klassische „Versorgungskirche“ mit vielen Gebäuden und hauptamtlich getragenen Angeboten wird es nicht mehr geben können. Stattdessen soll weiterhin eine Beteiligungsgemeinde wachsen, in der sich viele Menschen mit ihren Gaben einbringen.
Mitarbeit ausdrücklich erwünscht
Presbyterin Heike Lorenz machte deutlich: Die Gemeinde braucht engagierte Menschen – auch im Presbyterium. Derzeit sind drei Plätze vakant. Wer Interesse an verantwortlicher Mitarbeit hat, ist herzlich eingeladen, das Gespräch zu suchen.
Klare Haltung in gesellschaftspolitischen Fragen
Ein weiterer Schwerpunkt war der Umgang mit der gemeinsamen Stellungnahme vom 5. November 2025 zur Wahl von Cedric Sontowski (AfD) zum stellvertretenden Bezirksbürgermeister.
Die evangelische und katholische Kirche in Wattenscheid hatten gemeinsam erklärt, dass sie jeder Form von völkischem Nationalismus und Ausgrenzung entschieden widersprechen. Deshalb ist eine Amtsausübung von Funktionär*innen der AfD bei kirchlichen Veranstaltungen, in Gebäuden und auf Gelände der Gemeinde nicht möglich.
Dies sollen Gruppen und Projekte, die in gemeindlichen Häusern stattfinden, bei ihrer Programmgestaltung und etwaigen Einladung von Vertreter*innen aus der Politik berücksichtigen.
Zugleich wurde bekräftigt: Jeder Mensch ist in Gottesdiensten und Gemeindeveranstaltungen willkommen und wird mit Respekt behandelt. Es wird unterschieden zwischen der Person und der politischen Haltung, zwischen der Person und ihrem Amt.
In der Aussprache wurde die ökumenische Stellungnahme ausdrücklich begrüßt.
Zugleich wurde deutlich und von mehreren Anwesenden das öffentliche Auftreten eines Presbyters mit dem AfD-Vertreter kritisch angesprochen. Das Presbyterium nimmt diese Vorgänge ernst und bemüht sich bereits um Klärung.
Termine
Uwe Gerstenkorn stellte die Veranstaltungen des Jahres 2026 vor – von Gemeindefesten über musikalische Angebote bis hin zu besonderen Gottesdiensten und dem „Thermoskannencafé“ und dem Programm zum hundertjährigen Jubiläum der Christuskirche. Benjamin Birkefeld lud zur Beteiligung an den Kreuzwegandachten ein.
Ausblick
Die Gemeindeversammlung machte deutlich: Die kommenden Jahre bringen große Veränderungen. Doch sie bieten auch die Chance, die Gemeinde neu zu gestalten – konzentrierter, vernetzter und getragen von vielen engagierten Menschen.
Die Evangelische Kirchengemeinde Wattenscheid ist auf dem Weg.
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Presbyterium bezieht Stellung und zeigt Haltung für Vielfalt!
Gemeinsam mit der Katholischen Kirche Wattenscheid hat das Presbyterium unserer Gemeinde am 6. November folgende Stellungnahme beschlossen:
Evangelische und Katholische Kirche Wattenscheid beziehen Position: Gemeinsame Stellungnahme zur Wahl von Cedric Sontowski (AfD) zum 2. stellvertretenden Bezirksbürgermeister in Wattenscheid am 04. November 2025
Als Vertreterinnen und Vertreter der Evangelischen Kirchengemeinde Wattenscheid und der Katholischen Kirche Wattenscheid nehmen wir mit Sorge zur Kenntnis, dass ein Vertreter der AfD in der konstituierenden Sitzung der Bezirksvertretung zum stellvertretenden Bezirksbürgermeister von Wattenscheid gewählt wurde. Als Christinnen und Christen glauben wir, dass jeder Mensch Gottes Geschöpf und Ebenbild ist und dass das Gebot der Nächstenliebe für alle Menschen gilt. Wir treten ein für eine Politik, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt aller Menschen, die in Wattenscheid leben, in der Vielfalt ihrer religiösen und kulturellen Prägungen und sexuellen Orientierungen und Identitäten fördert. Wir sprechen uns aus für eine konstruktive Auseinandersetzung von unterschiedlichen Meinungen zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen. Wir setzen uns ein für ein entschiedenes Handeln zur wirksamen Unterstützung von Menschen, die unter Diskriminierung aufgrund von Rassismus, Queerfeindlichkeit, Behinderung oder Armut leiden. Jede Form von völkischem Nationalismus und Ausgrenzung, wie sie von der AfD vertreten wird, lehnen wir daher entschieden ab. Wir werden darum diesen politischen Positionen, die unserem christlichen Menschenbild widersprechen, und somit Politiker*innen der AfD bei kirchlichen Veranstaltungen keine Bühne bieten.
Noch einmal zur Klarstellung:
Jeder Mensch wird in unseren Gemeinden mit Achtung und Respekt behandelt. Jede Person ist im Gottesdienst und Gemeindeleben willkommen, jede und jeder wird seelsorglich begleitet, wenn gewünscht.
Allerdings unterscheiden wir deutlich zwischen einer Person und ihrer Haltung.
Wenn die Haltung eines Menschen mit unseren christlichen Werten unvereinbar ist, beziehen wir gegen diese Haltung Stellung und bieten dafür keine Bühne!
Auf diesem Hintergrund ist unsere Stellungnahme zu verstehen.